Dunkelrot

Den Schattierungen der Liebe wenden wir uns mit vielschichtigen Gedichten zum Valentinstag zu.

Der Valentinstag spaltet die Geister wie der Frühling das Eis – und genau das ist auch das Schöne daran. Denn egal wie sehr man dem Tag der Liebenden auch misstrauen mag, ganz entziehen kann man sich ihm doch nicht. Ob man ihn nun in Liebe schwelgend, in Trotz verleugnend oder in Missfallen verpönend verbringt, man muss ihn bemerken. Denn wenn sich eines über den Valentinstag mit Bestimmtheit sagen lässt, dann, dass er einen mit steter Beharrlichkeit dazu zwingt, Stellung zu nehmen. Die persönliche Einstellung zum Valentinstag wird immerhin nicht selten verwechselt mit der persönlichen Einstellung zur Liebe. Kaum hat man sich für Pro oder Kontra entschieden, schon sieht man sich wahlweise ins Klischee des hoffnungslosen Romantikers oder das des ewig Liebesfrustenden gehüllt. Selbst wer sich mit aller Vernunft gegen leere Vorurteile zu wehren weiß, wird sich spätestens vor einem von Amors Pfeilen durchbohrten Schaufenster fragen, woher die persönliche Einstellung zur Liebe eigentlich rührt. Und so schließt sich der Kreis.

Denn ob die Liebesbotschaft am 14. Februar nun der Brief vom Partner oder die Pizza vom Boten ist, sie ist ein Thema – ein Thema, das an Beziehungen denken lässt. An Beziehungen die waren, die sein werden oder die sind. Und an alle Schattierungen, die sie annehmen können. Auch die weniger schönen.

Schöne bis traurige Liebesgedichte

Daher wollen wir zum Valentinstag die schönsten Liebesgedichte mit Ihnen teilen – die schönsten, nicht die romantischsten. Denn wie jede Liebesgeschichte kann auch ein Liebesgedicht nach Glück, nach Kummer, nach Anfang, nach Abschied klingen. Und manche darunter tun auch mal weh. Doch weil der Valentinstag nicht nur den Liebenden, sondern vor allem der Liebe gewidmet sein soll, versuchen wir all ihre verbalen Nuancen abzudecken. Teilen – sowohl mit den Neuen als auch mit den Verflossenen – erlaubt. 😉

Der Vogel

Du bist vom Wind erlöste Ackerkrume,
du bist ein Kind von Fisch und Blume,
Aus allem aufgehoben,
bist du der Wunsch der Seele,
dass sie im tollen Toben
sich nicht mehr quäle.
Du bist vom Stern geboren
in einer großen Nacht,
Pan hat sein Herz verloren
und dich daraus gemacht!

Wolfgang Borchert


Nicht heut

Ich weiß, was du mir sagen
Möchtest in dieser Stund –
Sag’s nicht! Sieh dort den dämmernden Grund
Des Weihers und wie sich jagen
Die Spiegelwolken in schwarzer Pracht –
Sags’s nicht! Heut ist eine schlimme Nacht.

Ich weiß, in dieser Stunde
Stürmt dir die tiefste Brust
Von allem, was du mich fragen musst,
Frag nicht! An deinem Munde
Säumt noch das Wort, das elend macht –
Sag’s nicht! Heut ist eine schlimme Nacht.

Du sollst mir’s morgen sagen –
Wir wissen nicht, vielleicht
Ist morgen alles wunderleicht,
Was heut kein Herz kann tragen
Und was mich jetzt so elend macht –
Frag nicht! Heut ist eine schlimme Nacht.

Hermann Hesse

Schwangeres Mädchen

Du schreitest wunderbar in mittaglicher Stunde,
Um Deine Brüste rauscht der reife Wind,
Ein Lichtbach über Deinen Nacken rinnt,
Der Sommer blüht auf Deinem Munde.

Du bist ein Wunderkelch der gnadenreichen
Empfängerin liebestrunkner Nacht,
Du bist von Lerchenliedern überdacht,
Und Deine Last ist köstlich ohnegleichen.

Ernst Toller

 

Einsam

Wenn der Tag zu Ende gebrannt ist,
Ist es schwer nach Hause zu gehen,
Wo viermal die starre Wand ist
Und die leeren Stühle stehn.

Besser sich mit den Verirrten
Laut vereint zum Weine finden.
Elend lässt sich mit Gift bewirten,
Und ein Lahmer führt einen Blinden.

Freundin, Verlorne, ich könnte dich bitten,
Aber du wirst mich um Geld erhören,
Und wir eilen mit ungleichen Schritten,
Um uns tiefer noch zu zerstören.

Wer hat den Mut, ohne Rausch, ohne Blende,
Durch die leeren Pausen zu gehen
Und einsam der Tageswende
In die erlöschenden Augen zu sehn!

Berthold Viertel

Der Liebende

Nun liegt dein Freund wach in der milden Nacht,
Noch war von dir, noch voll von deinem Duft,
Von deinem Blick und Haar und Kuss – o Mitternacht,
O Mond und Stern und blaue Nebelluft!
In dich, Geliebte, steigt mein Traum
Tief wie in Meer, Gebirg und Kluft hinein,
Verspritzt in Brandung und verweht zu Schaum,
Ist Sonne, Wurzel, Tier,
Nur um bei dir,
Um nah bei dir zu sein.
Saturn kreist fern und Mond, ich seh sie nicht,
Seh nur in Blumenblässe dein Gesicht,
Und lache still und weine trunken,
Nicht Glück, nicht Leid ist mehr,
Nur du, nur ich und du, versunken
Ins tiefe All, ins tiefe Meer,
Darein sind wir verloren,
Drin sterben wir und werden neugeboren.

Hermann Hesse

Lied

Du, der ichs nicht sage, dass ich bei Nacht
Weinend liege,
deren Wesen mich müde macht
wie eine Wiege.
Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht
Meinetwillen:
Wie, wenn wir diese Pracht
Ohne zu stillen
In uns ertrügen?

Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lügen.

Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertauschen.
Eine Weile bist dus, dann wieder ist es das Rauschen,
oder es ist ein Duft ohne Rest.
Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.

Rainer Maria Rilke

Verführer

Gewartet habe ich vor vielen Türen,
In manches Mädchenohr mein Lied gesungen,
Viele schöne Frauen sucht ich zu verführen,
Bei der und jener ist es mir gelungen.

Und immer, wenn ein Mund sich mir ergab,
Und immer, wenn die Gier Erfüllung fand,
Sank eine selige Phantasie ins Grab,
Hielt ich nur Fleisch in der enttäuschten Hand.
Der Kuss, um den ich innigst mich bemühte,
Die Nacht, um die ich lang voll Glut geworben,
Ward endlich mein – und war gebrochene Blüte,
Der Duft war hin, das Beste war verdorben.
Von manchem Lager stand ich auf voll Leid,
Und jede Sättigung ward Überdruss;
Ich sehnte glühend fort mich vom Genuss,
Nach Traum, nach Sehnsucht und nach Einsamkeit.
O Fluch, dass kein Besitz mich kann beglücken,
Dass jede Wirklichkeit den Traum vernichtet,
Den ich von ihr im Werben mir gedichtet
Und der so selig klang, so voll Entzücken!
Nach neuen Blumen zögernd greift die Hand,
Zu neuer Werbung stimm ich mein Gedicht…
Wehr dich, du schöne Frau, straff dein Gewand!
Entzücke, quäle – doch erhör mich nicht!

Hermann Hesse

Riss

Eine Stunde noch bis Tag, –
Kein Verstören, kein Versprechen
Rückt das Herz mehr aus dem Schlag
Der schon weiß, er wird es brechen.

Wahnwitz alles, was wir sagen,
Wahnsinn, was wir in uns blicken.
Hände vor die Augen schlagen
Frommt allein, und sich ersticken.

Ah nein, gleich, geh lieber gleich,
Fass ein Herz und tus für beide.
Besser schnell ein Mörderstreich
Als die Qual der stumpfen Schneide.

Besser jetzt mit eignen Händen,
Besser sich ein Herz zu fassen,
Als die Augen einwärts wenden
Und sich enden lassen.

Lässt du wirklich mich allein
In der Todesstunde?
Kannst drei Sprünge von mir sein,
Und mir nicht am Munde?

Kannst mich hören durch die Wand
Und wirst dich nicht erbarmen?
Deinen Kopf auf deiner Hand
Und nicht in meinen Armen?

Still, mein Mund ist wieder rein.
Nur gelüsten will mich
Nach dem Abgrund dieser Pein;
Stille mich, o still mich!

Einmal noch die Augen zu:
Hinter Raum und Stunde
Dann verflieg und schwebe du
Grässlich mir vom Munde.

Durch den Spalt wird sich der Schein,
dieser Kerze stehlen.
Lang am Boden wird ich sein
Und mich Gott befehlen.

Rudolf Borchardt

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