Der Sonnenfänger

Die wahre Bedeutung eines kostbaren Schatzes hat Wortwechsel Autorin Susanne Olbrich gemeinsam mit ihrem Hauptprotagonisten Kamea aus den Tiefen des Meeres gehoben.

Mit einem lauten Knall riss die rechte Oberwante aus der Verankerung seines Schiffes. Zurück blieb nur ein großes dunkles Loch in den sorgfältig gepflegten Planken des Decks. Eine Welle nach der anderen spülte salziges Seewasser in die Plicht und umspülte seine blauen Gummistiefel. Seit drei Tagen wütete nun schon der Sturm und so langsam kamen Schiff und Skipper an ihre Grenzen. Sein schlafberaubter Körper konnte sich gerade noch am Steuerrad festhalten, als die nächste Welle das Boot wie einen Spielball von der einen auf die andere Seite warf und der Großbaum ihm an die linke Schläfe knallte. Sein Blick verschleierte sich und seine bereits benebelten Sinne gaben sich der wohlwollenden Schwärze hin…

…tok, tok, tok… Er blinzelte in die grellen Sonnenstrahlen der bereits glühenden Mittagssonne. Sein Kopf fühlte sich an, als hätte er mit einem Eisbären gerangelt. Mit der rechten Hand fühlte er oberhalb seiner Augenbraue einen tiefen Schnitt. Blut verklebte fast seine komplette linke Gesichtshälfte. Die braunen, etwas lockigen Haare waren blut- und schweißverklebt. Er versuchte sich an die Ereignisse der letzten drei Tage zu erinnern. Seine spröden und rissigen Lippen taten weh und seine Zunge war angeschwollen und trocken wie Sandpapier. Jeder Muskel in seinem Körper schmerzte. Mit einem Stöhnen gegen die Kopfschmerzen hob er langsam seinen Blick und ließ ihn über sein sturmgebeuteltes Schiff schweifen. Das „Tok, Tok, Tok“ kam vom Großbaum, der wie ein am Gelenk gebrochener Ast zum Mast immer wieder gegen die Seite des Schiffes schlug.

Kamea hielt die kleine handgeschriebene Notiz in hawaiianischer Sprache in seiner Hand und überlegte, was die übersetzten Worte: „ Deine Zukunft liegt in der Sonne, mein Sohn.“, bedeuten sollten. Vor ein paar Tagen hatte er ein Päckchen mit einem großen bronzefarbenen, alten Schlüssel erhalten. Den Schlüssel kannte er nur allzu gut. Er war von dem alten Haus seines Großvaters, welches eingebettet auf der schroffen Küste Hawaiis auf der Insel Ni’ihau des kleinen Dorfes Puuwai stand. Dort war er aufgewachsen, hatte Segeln, Surfen und Tauchen gelernt. Als Kind und Jugendlicher war er ganz vernarrt in das Meer gewesen und verbrachte mehr Zeit in der Natur als in der Schule. Als sein Großvater damals starb, wurde er von einer entfernten Tante nach Washington D.C geholt. Er wuchs inmitten dieser … seine Tagträume wurden jäh durch den großen Aktenordner, den ihm seine Vorgesetzte auf den Tisch knallte, unterbrochen. Er schreckte auf und blickte in die kleinen, dunkel umrandeten Augen von Theresa. Trotz ihrer ungeputzten Brille, entlarvte sie ihn jedes Mal, wenn er mal wieder nicht bei der Sache war. „Bis Montag!“ polterte sie mit piepsiger Stimme, machte auf dem Absatz kehrt und wackelte auf ihren ausgelatschten Mokassins wieder in ihr Büro. Schmunzelnd stellte er sich vor, wie Theresa wohl im Taucheranzug aussehen würde. Kamea hatte seine Leidenschaft fürs Segeln, Tauchen und Surfen nicht aufgegeben. Ganz im Gegenteil – und jetzt dieser Schlüssel von dem uralten Haus seines Großvaters….

Als Kamea an diesem sommerlichen Freitag sein Büro verließ, hatte er nur eines im Sinn: den Schlüssel. Nachdem Theresa mal wieder ihren Frust an ihm ausgelassen hatte, buchte Kamea spontan einen Flug nach Hawaii. Außerdem hatte er Theresa eine Mail geschrieben, dass er ein paar Tage in seine Heimat zurückkehren müsse, um den Tod eines engen Verwandten zu betrauern und um alles Organisatorische abzuwickeln. „Ganz gelogen war dies ja auch nicht“, lächelte er beim Versenden der Mail.

Zuhause packte er ein paar Sachen in seinen Rucksack und verstaute den bronzefarbenen Schlüssel seines Großvaters sorgfältig in dessen Innentasche. Sein Blick schweifte über sein sonst sehr spärlich eingerichtetes Apartment. Die alten Holzdielen gaben dem geräumigen Zimmer mit hohen Decken einen altertümlichen Charme. Kamea hatte diesen Reiz mit alten Möbeln von Trödelmärkten unterstützt und trotz der spartanischen Einrichtung ein gemütliches Heim für sich geschaffen. Sein Blick fiel auf das Medaillon neben seinem Bett, welches ihm sein Großvater an seinem Sterbebett geschenkt hatte. Als Jugendlicher hatte er dieses verächtlich in den Koffer geworfen, verärgert und enttäuscht, dass er seinen geliebten Heimatort nun verlassen musste. „Aber jetzt… hatte das Medaillon einen Zweck? Stand es in Verbindung mit der plötzlichen und rätselhaften Ankunft des Schlüssels?“ Das Medaillon war circa so groß wie seine Handfläche und schwer. In der Mitte befand sich ein kleiner, kristallähnlicher Stein mit asymmetrischen Flächen, die in der Sonne winzige, farbige Punkte auf dem Rest seiner Hand tanzen ließen. Von dem Stein abstrahlend vertieften sich Kerben und Furchen in die Fläche, die alle unterschiedlich tief waren. Die Kerben warfen Schatten, wenn das Medaillon im Sonnenlicht lag. Vielleicht daher auch der kleine Zettel mit dem Spruch: „Deine Zukunft liegt in der Sonne, mein Sohn.“ Auf der Rückseite war eine Inschrift zu sehen, aber so schlecht lesbar, dass Kamea selbst mit einer Lupe nicht entziffern konnte, was dort geschrieben stand.
Auch das Medaillon verstaute er nun sorgfältig mit dem Schlüssel und machte sich auf den Weg zu seinem Heimatort.

Nach 13 Stunden Flug mit Zwischenstopp in Los Angeles erreichte Kamea den Flughafen Lihue auf der Insel Kauai. Von dort aus fuhr er mit dem Bus zum Port Allen Airport, welcher südlich auf Kauai gelegen war. Anschließend ging es dann mit dem gefühlt kleinsten Wasserflugzeug der Welt nach Ni’ihau.
Kamea war über sein leichtes Reisegepäck froh, denn er musste noch circa drei Kilometer über schroffen Felsen hinauf und hinab zum Haus seines Großvaters steigen. Trotz der langen Abwesenheit kannten seine Füße diese Strecke schon auswendig. Ein Gefühl der Freiheit machte sich in seiner Brust breit und er konnte ein Lächeln des Glücksgefühls nicht unterdrücken. Er hätte schon viel früher seine alte Heimat besuchen sollen. Dass erst der Schlüssel seines Großvaters ihn dazu gebracht hatte nach 14 Jahren im Alter von 30 hierher zurückzukommen, war fast schon traurig. Immerhin war es das Haus, in dem er aufgewachsen war und an welches er viele schöne Erinnerungen knüpfte. Aber Kamea hatte damals alles hinter sich lassen wollen. Der Tod seines Großvaters und damit der Umzug in diese riesige und dreckig stinkende Stadt zu seiner spießigen Tante kamen einfach zu plötzlich. Die Wiederkehr erfüllte ihn jedoch mit Freude und jeder weitere Schritt in Richtung des Hauses seines Großvaters ließ sein Herz höher schlagen.

„Klick, klick, knirsch, tok… Mist, der Schlüssel passt nicht!“ Kamea hatte den Weg zum Haus vom Meer hinauf trotz der mittlerweile üppigen Vegetation ohne Probleme gefunden. Das Haus seines Großvaters lag etwas oberhalb der Küste hinter einem Vorsprung. So war es vor der Witterung geschützt und noch gut erhalten. Das Holz hatte sich in den vielen Jahren verfärbt und war von Moos und Efeu bewachsen, welches ihm aber einen urigen Eindruck vermittelte. Nun stand Kamea vor der Tür und verfluchte das alte Schloss. Es war genau der identische Schlüssel, den sein Großvater immer mit einem alten Lederband an seiner Jeans getragen hatte. „Oder etwa nicht?“ Er setzte seinen Rucksack vor der Tür ab und schlug sich durch die Büsche, die alles zu überwuchern schienen, um das Haus herum. Auf der Rückseite war eine Falltür, die in den Keller führte. Das Schloss der Falltür war noch genauso, wie er es in Erinnerung hatte – nur rostig. Seine Bemühungen das Schloss zu öffnen waren vergebens. Letztlich riss er die komplette Verankerung aus den bereits morschen Planken. Die Falltür war weitaus weniger stabil gebaut als die Eingangstür.

Ein kalter, modriger Geruch schlug ihm entgegen. Er leuchtete mit der Taschenlampe die Treppe hinab in den Keller und ein mulmiges Gefühl überkam ihn. Kamea hatte bereits als Kind diesen dunklen, großen Raum so gut es ging, gemieden. Vorsichtig tastete er sich mit seinen Füßen die Steinstufen hinab und leuchtete wild von rechts nach links durch den Raum. Als sich sein Puls schließlich etwas beruhigte, ging er auch noch die letzten Treppen in Richtung Hausaufgang hinab. Die schwere Holztür ließ sich zu seiner Überraschung noch recht einfach in ihren Eisenschienen beiseite schieben. Er würde sich den Keller später genauer ansehen, sagte er sich, und schob die Tür hinter sich wieder zu.

Der Geruch von Einsamkeit überwältigte Ihn. Sein Blick streifte über die beiden großen offenen Räume des Hauses. Staub und Spinnenweben hatten alles mit einer dicken Schicht bedeckt. Das Wohnzimmer mit dem in roten Backsteinen eingefassten Kamin war noch genauso, wie er es als Jugendlicher in Erinnerung behalten hatte. Die beiden alten Ledersessel mit Blick auf die Feuerstelle hatten oft für heitere, aber auch für ernste Gespräche herhalten müssen. Nun waren sie mit Staub bedeckt und von Motten zerfressen. Die Küche aus weißem Edelstahl hatte ihren Glanz eingebüßt, doch die kleine Essecke im hinteren Bereich schien noch nicht ganz verloren.
Die Stufen hinauf zu den beiden Schlafzimmern und dem Bad waren noch gut intakt. Sie knarrten und knacksten bei jedem seiner Schritte und Kamea hinterließ beim Hinaufsteigen eine staubige Spur von Fußabdrücken. Auch hier bot sich ein Bild von Verlassenheit. Er starrte lange auf das Bett seines Großvaters – seine letzte Erinnerung an ihn – wie er dort im Sterben lag… Er riss seinen Blick los und wandte sich seinem eigenen Zimmer zu, aber bis auf Staub und Spinnenweben konnte er nichts Außergewöhnliches entdecken. „Was hatte er erwartet? Eine geheime Botschaft? Eine Nachricht seines Großvaters als Banner vor das Haus gehängt?“ Bei dem Gedanken musste er herzhaft lachen und die Anspannung fiel langsam von ihm ab. Er würde sich erst mal darum kümmern, dass das Haus wieder einigermaßen von innen bewohnbar sein würde.
In den nächsten drei Tagen arbeitete Kamea unermüdlich daran das Haus und die Einfahrt so gut es ging zu säubern. Spinnweben und Staub sammelte er mit alten Handtüchern auf. Die Büsche stutzte er mit der alten Heckenschere, die er mit etwas Öl aus dem Schuppen seines Großvaters wieder fit gemacht hatte. Und auch die Elektrik des Hauses brachte er wieder in Gang. Besorgungen machte er im drei Kilometer entfernten, dorfeigenen Laden und fing an sich heimisch zu fühlen.
Trotz der sommerlichen Wärme tagsüber wurde es nachts sehr kalt und so entfachte Kamea mit dem Holz der Büsche und Bäume abends ein schönes Feuer im Kamin. Er ließ sich in den alten Ledersessel plumpsen, dem er einfach eine Decke übergelegt hatte, um die Löcher nicht mehr sehen zu müssen. Mit müdem Blick nach den drei Tagen harter Arbeit fiel ihm ein, dass das Haus seines Großvaters einen Dachboden hatte. Er hatte dort häufig stundenlang gelegen und Vögel mit dem Fernglas von dem kleinen, runden Bullauge aus beobachtet. Dort stand eine alte Truhe, von der sein Großvater immer gesprochen und die er nie hatte öffnen dürfen. Immer wieder hatte Kamea als kleiner Junge, aber auch als Jugendlicher vor dieser Truhe gestanden und davon geträumt, diese eines Tages öffnen zu dürfen. „Warum war ihm das nicht bereits früher eingefallen? War es nun soweit?“ Sein Großvater konnte ihm dies jetzt nicht mehr verbieten und vielleicht würde sich das Rätsel des Schlüssels nun klären.

Kamea zündete eine Kerze an, da auf dem Dachboden kein Licht war. Schnellen Schrittes lief er die Stufen in den ersten Stock hinauf und setzte die Kerze auf den kleinen Nachtschrank seines Zimmers. Ein kleiner Schemel in der Ecke diente dazu den Verschluss der Luke zu erreichen. Er öffnete diesen und klappte die Leiter, die zum Dachboden führte, auseinander. Zaghaft testete er deren Sprossen, diese schienen aber intakt genung um sein Gewicht zu tragen. Er nahm die Kerze wieder an sich und kletterte die Sprossen der Leiter empor. Der Geruch des Dachbodens war anders als im Haus. Es roch nach Holz, aber nicht etwa modrig, sondern fast schon nach frisch gesägtem Holz. Der Schein der Kerze tauchte die alten Dielen in ein schummriges Licht. Kamea entdeckte die Stelle an dem Bullauge, an dem er immer gelegen hatte. Er hätte schwören können den Abdruck seines damals sehr zierlichen Körpers auf dem Holz im Kerzenschein zu sehen. Die Dämmerung hatte draußen bereits begonnen und so konnte man durch das ohnehin mit Dreck verklebte Bullauge nichts mehr erkennen. Er schwenkte seinen Blick zu der alten Truhe gegenüber der Leiter. Sie war dunkelbraun und auch auf ihr befand sich eine Lage Staub. Kamea betrat vorsichtig die alten Dielen um so wenig Staub aufzuwirbeln wie möglich. Er strich den Staub der Truhe etwas zur Seite und konnte im Deckel eine Inschrift erkennen, auch diese war wie am Medaillon nicht zu entziffern. Er fühlte nach der Rille, über die vor vielen Jahren seine zarten Kinderfinger gestrichen hatten und mit der sich der Deckel der Truhe öffnen ließ. Er setzte nun seine Finger unter diesen Spalt. Sein Herz pochte vor Aufregung. Er versuchte den Deckel der Truhe zu öffnen. Doch dieser rührte sich keinen Millimeter. „Klemmt er?“ Kamea inspizierte die Truhe mit Hilfe der Kerze nun genauer. Im Deckel befand sich eine kleine schlüsselähnliche Öffnung. War der Schlüssel seines Großvaters etwa genau hierfür gedacht? Hastig eilte er die Sprossen der Leiter und die Treppen zum Erdgeschoss hinunter. Das Türschloss der Eingangstür hatte er mit Hilfe eines Dietrichs aus der Werkstatt öffnen können und seitdem hatte er die Tür auch nicht mehr verschlossen. Hier an die entlegene Küste verirrte sich nur sehr selten ein Fremder. Seither hatte der alte Bronzeschlüssel in der Holzschale auf der Kommode im kleinen Flur gelegen. Mit Schlüssel und zur Sicherheit auch dem Medaillon ausgestattet, flog Kamea die Stufen und Sprossen wieder nach oben. Im Dachboden angekommen war er ganz außer Atem und musste sich erst beruhigen, bevor er den Schlüssel in das Schloss der alten Truhe einführen konnte. Mit einem leisen Klick sprang das Schloss auf und der Deckel der altmodischen Kiste ließ sich mit einem Krächzen der eingerosteten Scharniere öffnen. Kamea schaute hinein und sein Blick fiel auf ein großes, altes, ledergebundenes Buch und ein Fass Tinte mit einer ungewöhnlich großen Öffnung. Fast schon enttäuscht darüber keinen Schatz oder wenigstens dessen Karte entdeckt zu haben, hob er das Buch aus der Truhe und legte es auf seine Knie. Mit dem Rücken an die Truhe gelehnt, öffnete er das Lederband, welches die alten Seiten zusammenhielt und schlug die erste Seite auf.

In blauer Tinte und schnörkeliger Handschrift stand dort geschrieben:
1. November 1887 Ich traf heute die letzten Vorbereitungen für meine Suche nach Freiheit… nach dem Schatz dessen, dass mein Geist nach dem strebt, was ihm beliebt. Mein Proviant reichte für drei Wochen. „Ku okoa ana“ (Kamea wusste, dies bedeutete Freiheit) mein Schiff war bestens gerüstet…

Ein leises Rascheln weckte Kamea. Sein steifer Nacken und seine schmerzenden Schultern teilten ihm unverblümt mit, dass er viele Stunden auf dem harten Holzdielenboden des Dachbodens geschlafen haben musste. Die Sonne stand bereits hoch über dem Horizont. Das Rascheln kam von einer Maus, die unerschrocken zu ihm aufblickte. Sie verkroch sich aber schnell, als er sich aufrichtete. Das Buch lag aufgeschlagen neben ihm und das Medaillon noch in seiner Handfläche. Er stutzte kurz, denn die einfallenden Sonnenstrahlen, die durch eine kleine Ecke fehlenden Glases im Bullauge fielen, warfen ein fast symmetrisches Bild von bunten Punkten um das Medaillon herum. Das kaputte Glas war ihm gestern in der Dämmerung nicht aufgefallen. Das alte Buch war also das Tagebuch seines Großvaters, in dem er seine Suche und den Fund seines größten Schatzes beschreibt. Sein Großvater hatte teilweise recht wirr geschrieben und auch nie den Schatz an sich benannt. Kamea fragte sich, was dort wohl für Kostbarkeiten verborgen sein könnten.
Das Ende des Buches war nicht befüllt. Die letzte beschriebene Seite war mit quer durcheinander geschriebenen Zahlen bemalt, die alle ringförmig um einen leeren Kreis geschrieben worden waren. Der Kreis war grauer und abgenutzter als der Rest der Buchseiten. Fast als wäre an dieser Stelle jemand mit einem schweren Gegenstand hin und her gerutscht.
Kamea nahm das Medaillon und rutschte mit den Knien in Richtung Truhe. Er holte vorsichtig das Tintenfass heraus und probierte, ob die Öffnung für das Medaillon groß genug sein würde. Und so war es auch. Das Medaillon ließ sich wie ein riesiger Stempel in das Tintenfass gleiten und wieder daraus entnehmen. An der Innenseite des Glases war ein kleiner Schwamm befestigt, doch die Tinte war schon vor Jahren ausgetrocknet und so hatte dies keinen Effekt. Kamea nahm nun das Buch, das Fass, den Schlüssel und das Medaillon wieder mit nach unten. Die Kerze auch noch unter den Arm geklemmt, verlor er fast das Gleichgewicht auf den Sprossen der Leiter und verfluchte seine Unachtsamkeit. Er wollte auf keinen Fall etwas beschädigen. Seine Neugierde war geweckt. Es gab vielleicht doch einen Schatz. In der Küche angekomme, legte er das Buch in die Mitte des mittlerweile sauberen Esstisches. Das Medaillon legte er daneben und füllte anschließend ein wenig Wasser in das Tintenfass. Nach ein paar ungeduldigen Minuten und schwenkenden Bewegungen des Fasses, war die Tinte wie zu neuem Leben erweckt.

Kamea nahm eine der letzten Buchseiten aus dem Ledereinband heraus und ließ das Medaillon vorsichtig in die Tinte auf dem Schwamm gleiten. Anschließend drückte er es sorgfältig und mit ruhiger Hand auf die leere Buchseite. Als er es weg nahm, konnte man die vorher unleserliche Inschrift erkennen:

„Die Gemeinsamkeit von Sonne und Regen ist ein Spiel und die Farben daraus unser Ziel.“

Kamea nahm nun das Medaillon und platzierte es auf die Seite mit den Zahlen. Es tat sich nichts, so sehr er das Medaillon auch drehte und wendete, es entstanden keine Farben. Etwas enttäuscht lehnte er sich im Stuhl zurück. Dabei gab er den bereits tiefergehenden Sonnenstrahlen im Rücken freie Bahn auf den Esstisch und damit auch auf das Medaillon. Plötzlich erstrahlte die Buchseite in prächtigen, farbigen Punkten. Kamea riss Buch und Medaillon an sich und stürmte nach draußen. Ungefähr zehn Minuten würden ihm noch bleiben, bis auch der letzte Sonnenstrahl hinter dem Vorsprung verschwinden würde. Er war sich sicher, dass die Farben des Regenbogens und deren Reihenfolge eine Kombination mit den aufgeschriebenen Zahlen ergeben würden. Sein geschulter Seglerblick hatte auch direkt erfasst, dass es sich hierbei um Koordinaten handeln musste. Allerdings wusste er nicht, zu welcher Tageszeit und in welchem Winkel die Sonne auf das Medaillon scheinen musste. Wieder drehte er einige Male das Medaillon, kam aber zu dem Entschluss, dass er für heute kein Ergebnis mehr erzielen würde. Am morgigen Tag würde er früh aufstehen und die Koordinaten entschlüsseln. Verträumt setzte er sich noch einige Minuten vor den Kamin und blickte dabei auf das Gemälde seines Großvaters auf dem Sims. Um es von Staub und Spinnweben zu befreien, hatte er es vorsichtig vom Kaminsims heruntergehoben. Das Bild zeigte seinen Großvater neben seiner Yacht „Ku okoa ana“. Er hatte einen Fuß auf der Reling abgestellt und lehnte mit seinem Ellenbogen auf dem Knie. Sein Blick schien unbedeutend nach unten gerichtet, so als wäre er stolz auf die Arbeit, das Schiff selbst erbaut zu haben. Allerdings schaute er, man erkannte es bei genauerem Hinsehen, auf etwas, was im Bereich des Vorschiffes lag – das Medaillon. Die tiefen Kerben des Medaillons dienten als Hinweis auf die Uhrzeit, da sie entsprechende Schatten warfen. Das ruhige Wasser des Meeres war ein Indikator dafür, dass das Medaillon einfach auf einer geraden Fläche zur richtigen Tageszeit liegen musste. Kamea hatte das Rätsel gelöst. Aufgeregt, am nächsten Tag seine Erkenntnisse testen zu können, ging er ins Bett.

In Anlehnung an das Gemälde legte Kamea das Medaillon um Punkt zwölf Uhr mittags draußen auf einen Holzscheit. Mit dem Buch darunter drehte er das Medaillon so lange, bis die farbigen Punkte in der Reihenfolge des Regenbogens den Längen und Breitengrad einer kleinen abgeschiedenen Insel ergaben. „Was ich dort wohl finden werde?“

Drei Wochen waren nun vergangen und Kamea hatte in seiner unermüdlichen Begierde herauszufinden, was sich hinter den genauen Koordinaten des Buches verbarg, das alte Schiff seines Großvaters komplett restauriert. Alles was er an Werkzeug dafür benötigte, fand er im Schuppen. Material hatte er sich von den Dorfbewohnern gekauft. Besonders die kleine Fischerei am Hafen war hilfreich gewesen. Wie im Tagebuch beschrieben hatte auch Kamea das Schiff bestens gerüstet und für drei Wochen Proviant verstaut. Wenn auch die Reise zu den Koordinaten nach seinen navigatorischen Berechnungen gerade mal sieben Tage dauern würde, wusste er ja nicht was ihn dort erwartete.
Am nächsten Morgen setzte Kamea die Segel und ließ eine laue Brise durch sein mittlerweile längeres Haar wehen. Er hatte als Jugendlicher immer etwas längere Haare gehabt. Nur seine spießige Tante wollte immer eine kurze, peppige Jungenfrisur. Wie er das gehasst hatte. Das Gefühl des Windes in seinem Haar befreite ihn und mit einem schelmischen Grinsen segelte er hinaus aufs offene Meer.

… Der Sturm hatte erstaunlicherweise wenig Schaden angerichtet. Die ausgerissene Oberwante war schnell wieder eingeschraubt. Der Großbaum war am Scharnier selbst gebrochen und Kamea konnte dies mit dem Werkzeug und den Ersatzteilen der kleinen Fischerei schnell wieder reparieren. Aber zuerst kümmerte er sich um sich selbst. Mit Wasser und Dosenobst kam er wieder etwas zu Kräften. Das Salzwasser brannte höllisch beim Auswaschen der Wunde. Also spülte er sie mit etwas Trinkwasser nach. Er war kein Arzt, war sich aber sicher, dass der Schnitt über der Augenbraue nicht genäht werden musste. Dann machte er sich an die Reparatur seines Schiffes. Bis zur Abenddämmerung dauerten die Arbeiten, konnten aber zu seiner Zufriedenheit fertiggestellt werden. Das Meer hatte sich bis auf eine immer noch recht hohe Welle beruhigt. Kamea fragte sich seit eh und je wie die Natur in weniger als ein paar Stunden von so zornig auf so sanft wechseln konnte. Seine restliche Wegstrecke verflog schnell mit achterlichem Wind und Wellen, auf denen er unter Segel mitreiten konnte. Als in der Ferne am Horizont die kleine Insel zu den von ihm errechneten Koordinaten auftauchte, war sich Kamea seiner Gefühle unschlüssig. Er war aufgeregt und sein Herz pochte bis zum Hals in freudiger Erwartung. Andererseits hatte er Angst, denn das Ende des Tagebuches seines Großvaters schien sehr abrupt – und verblieb ohne den Fund eines Schatzes. Er war seit nunmehr neun Tagen unterwegs, da der Sturm ihn etwas von seinem Kurs abgebracht hatte. Doch nun war es an der Zeit herauszufinden, was sein Großvater für so kostbar gehalten hatte.

Kamea setzte zaghaft einen Fuß in das kalte Wasser und den feinen Sandstrand, der von den Wellen des Meeres umspült wurden. An seichter Stelle hatte er den Anker ausgeworfen und kletterte nun behände mit seinem Rucksack auf dem Rücken aus dem Schiff. Buch und Medaillon waren sicher verstaut und er hatte die Karte mit den genauen Koordinaten in der Hand. Sein Blick glitt über die kleine, abgelegene Insel, weißer feiner Sandstrand, große grüne Farne und Palmen, die den Blick auf das Innere der Insel verdeckten. Die riesigen Bäume mit ihrem ausladenden Blätterwerk standen schnurgerade und aufgefädelt wie auf einer Perlenkette aufgereiht am Strand. Socken und Schuhe zog er nun wieder an und der Karte folgend bahnte er sich einen Weg durch die Palmen und Farne der Insel. Der Boden war steinig und mit vielen Wurzeln durchzogen. Das Sonnenlicht lugte zwischen den Kronen der Palmen immer wieder hindurch und schien ihm den Weg zu weisen. Kamea blieb häufig stehen um zu lauschen. „War da etwa ein fremdes Geräusch? Lauerte irgendwo Gefahr?“ Es schien alles friedlich, somit setzte er seinen Weg in das Innere der Insel fort.

Kamea kam an eine Lichtung. Mittendrin befand sich ein alter verwurzelter Baum. „Untypisch für diese Breitengrade“, dachte er sich. Bewachsen von Farnen und Efeu war das eigene Blätterwerk des Baumes gar nicht mehr zu erkennen. Die wenigen Sonnenstrahlen, die sich durch die dichte Bepflanzung schlängelten, schienen vom umliegenden Moos absorbiert zu werden. So wirkte der Baum fast unheimlich. Seine tief hängenden, knorrigen Äste berührten fast den Boden. Er umrundete den riesigen Stamm des Baumes und musste mit Erstaunen feststellen, dass an der südlichen Seite eine kleine Nische zu sehen war. Mit Taschenlampe voran leuchtete er in die Nische hinein. Kamea konnte sich durch den schmalen Spalt in das Innere des Baumes zwängen und stand unmittelbar vor steinernen Stufen. Er holte tief Luft. Vor lauter Aufregung hatte er unbewusst den Atem angehalten. Einen Fuß vor den anderen ging es hinab. Die steinernen Stufen fühlten sich rau und griffig an. Die Wände waren feucht und moosig. Die Luft wurde etwas kühler, aber irgendwie frischer, als ob es irgendwo eine Frischluftzufuhr gäbe. Nach jäh endenden Stufen stand Kamea in einem dunklen Tunnel, an dessen Ende ein grüner Schimmer zu sehen war. Der dunkle Tunnel erinnerte ihn an den modrigen Keller seines Großvaters. Er hatte in der jetzigen Zeit im Haus den Keller nur einmal betreten, nur um zu sehen, ob noch irgendetwas Brauchbares dort zu finden war. Nun stand er in dem feuchten, dunklen Tunnel, er leuchtete wild mit der Taschenlampe in alle Winkel und befahl sich zu beruhigen. Wegen des wilden Hin- und Herfuchtelns konnte er nicht anständig sehen. Der Tunnel erstreckte sich über etliche Meter tiefer in das Erdinnere. Die Wände waren ein wenig abgerundet und komplett mit Moos überzogen. „Ob der grüne Schimmer am Ende daher rührte?“ Auf jedes Geräusch oder Bewegung achtend durchquerte er den Tunnel. Das grüne Licht am Ende des Tunnels wurde heller und größer. Es wurde wärmer und ein leises Plätschern drang an Kameas Ohren.

© Geschrieben von Susanne Olbrich

Am Ende des Tunnels angekommen stand Kamea nun in einer riesigen Höhle. Das grüne Licht schimmerte von dem großen Süßwasserpool in der Mitte der Felsgrotte. Die zahlreichen Kristalle an der Decke, den Wänden und am Boden spiegelten das grüne geheimnisvolle Licht durch den schroffen Raum. Es war als würde die Sonne hier unten einen Schatz an die Wand der Höhle werfen. Das kristallklare Wasser spiegelte sich und funkelte. Er schaute hinab. Seine Füße berührten fast den Rand des flachen Pools. Er konnte den Boden unterhalb der Wasseroberfläche sehen. Auf diesem lagen ganz viele kleine, teilweise halb geöffnete Muscheln. Zögernd streckte er die Finger in das kühle Nass. Wie eine kühle Decke umspülte das Wasser seine Hand. Er hob eine der größeren Muscheln aus dem Wasser. Sie schimmerte in den Farben des Regenbogens. Mit seiner Berührung und dem Fehlen des Wassers öffnete sich die Muschel in seiner Handfläche und zeigte eine wunderschöne, glänzende Perle in ihrem Inneren. Er fühlte eine Welle des Erstaunens. Plötzlich erfüllten ihn eine Ruhe und eine Sinnhaftigkeit, wie er sie nie zuvor gespürt hatte. Er verstand nun was sein Großvater mit dem Wort „Schatz“ gemeint hatte. Es waren nicht nur die unzähligen Muscheln mit ihren Perlen in ihrem Inneren. Sondern der Weg hierher, die Lebenslust, die sich in diesem Abenteuer und dieser atemberaubenden Naturschönheit versteckten, waren der größte Schatz, den man sich nur vorstellen konnte. Ein Schatz der Natur, der bewahrt werden musste, um noch vielen Generationen das gleiche Erlebnis zu geben.

Schlusswort

Kamea hatte noch ein wenig verweilt. Die Schönheit, die Ruhe und die betörende Kraft, die von dieser Höhle ausging, genossen und aufgesogen wie ein Schwamm. Erst, als er vollends zu sich gefunden hatte, machte er sich auf den Heimweg. Die Muschel mit ihrer Perle ruhte wie ein kleiner Schatz, ein Andenken, in seiner Hand. Er wusste nun, wo er zuhause war. Er hatte verstanden, was Freiheit bedeutet, verstanden, dass sein Geist nach dem strebte, was ihm beliebt.

Die Abenteuergeschichte „Der Sonnenfänger“ entstand im Rahmen der novum Verlag Initiative für die Förderung und Inspiration von Schriftstellern über den novum Corporate Blog und die sommerliche #Wortwechsel Kampagne. Wir bedanken uns bei Gastautorin Susanne Olbrich für ihren inspirierenden Beitrag.

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