Spiegelbilder

Es war nicht schön, nicht wirklich lustig, aber es war okay, es war interessant. Sie müsste lügen, würde sie sagen, dass sie schlecht behandelt würde.

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Die großen, breiten Fenster im Klassenraum waren verdunkelt worden. Sie konnte die neugierigen Gesichter nicht sehen, aber sie spürte sie. Biografiearbeit, das interessiert schließlich jeden. Sie hatte eine Powerpoint-Präsentation vorbereitet.

Ihr Dozent fokussiert den Lichtspot des Projektors auf die Leinwand. Sie lächelt, räuspert sich, atmet tief durch und beginnt: „Geboren wurde ich im Jahre 1962, da war die Kubakrise und die Welt wurde sich der Gefahr eines globalen Atomkrieges bewusst, 1969 die Mondlandung habe ich im Fernseher miterlebt,1972 das Geiseldrama bei der Olympiade, das hat mich als junge Sportlerin besonders berührt.“ Ihr Herz schlägt laut und sie spürt, wie eine Wolke von Wärme und Menschlichkeit den Raum durchzieht. „Unser Leben als Mensch, hier auf der Erde, wie kostbar ist doch jeder einzelne Tag. Denken Sie so, oder anders?“

Sie weiß nicht, wie sie denken, sie spürt nur etwas Schönes, etwas Menschliches, was allzu oft im Alltag untergeht. Da ist das Auto kaputt, das Kind krank oder man kann sich nicht den gewünschten Artikel leisten. Wie bedeutungslos dies doch alles plötzlich ist.

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„1980, die Grünen werden in Deutschland gegründet, 1989 der Mauerfall, 1997 – Prinzessin Diana stirbt bei einem Autounfall.“ Jetzt geht jeder im Raum in sich, denkt nach, was da wohl war in seinem eigenen Leben, glückliche Zeiten, schwere Zeiten, Lust und Frust, Niederlagen und Erfolge. „Es gibt keine falsche Biografie“, sagt sie. Obwohl das einfacher zu sagen ist, als zu verstehen.

Jetzt kommen die Flussbilder: Just in diesem Augenblick erscheint das Foto eines kleinen Waldbächleins auf dem Projektor. „Stellen sie sich doch mal vor, jedes individuelle Leben wäre die Reise eines Wassertropfens von der Quelle bis ins Meer. Jeder Lebensfluss wäre einzigartig, kreativ und schön. So wie es ja auch unzählige Arten von Bächen und Strömen gibt.“ Es folgt das Bild eines gemächlichen Flusses, welcher sich träge durch die Landschaft windet und dem Betrachter das Gefühl geordneter Geborgenheit gibt. „Manche fließen den ganzen Weg in recht sanften Bahnen ohne Hindernisse und Brüche. Es gibt aber auch Lebensflussreisen, die sind unberechenbar, wild und von atemberaubender Dynamik.“

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Ein wildes Gewässer mit reißenden Stromschnellen ist nun zu sehen. Es wird abgelöst von der Großaufnahme eines Tropfens. „Ein Tropfen treibt ruhig dahin, aber plötzlich stürzt er einen hohen Wasserfall herab, trifft auf steinigen Untergrund und es fühlt sich an, als müsste der Tropfen daran zerspringen. Aber nein, ganz unerwartet schleudert es ihn nur in eine sanfte Bucht.“ Eine traumhafte Bucht mit weißem Strand und Palmen flößt den Betrachtern nun Sehnsucht nach dem Paradies ein.

Sie spricht weiter: „Die Strömung beruhigt sich, alles wird wieder ruhig und friedlich. An anderen Stellen trifft der Fluss auf Hindernisse, das Wasser staut sich.“ Ein gigantischer Wasserfall erscheint auf dem Projektor. „Es scheint als würde der Tropfen nur langsam fortkommen. Vielleicht macht es sogar den Eindruck von totalem Stillstand. Druck baut sich auf und die Wucht des Wassers fegt mit Vehemenz das Hindernis beiseite. Es kann auch passieren, dass der angestaute Wasserdruck den Fluss einen völlig neuen, besseren Lauf finden lässt. Ungewöhnliche Wirbel und Strömungen entstehen an manchen Abschnitten und schwemmen unseren Wassertropfen flussaufwärts. Wir scheinen nun gegen den Strom schwimmen zu müssen und die Umgebung leistet uns Widerstand. Schließlich wendet sich auch hier die Strömung und es geht in Richtung Meer. Plötzlich werden wir leicht von den Wassermassen getragen und geleitet. Es fühlt sich an, als würden wir einfach dahinschweben. Wir überlassen uns dem Strom… Irgendwie findet jeder Wassertropfen früher oder später seinen Weg in den Ozean“, schließt sie und zeigt abschließend ein Bild vom Meer.

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„Die Reisewege mögen manchmal gar nicht harmonisch erscheinen“, sagt ein junger Mann nachdenklich, der jeden Tag eine neue Bewerbung schreiben muss. Sicher fühlt er sich gerade so, als ob er im brackigen Schlamm steckt und nicht weiterkommt, denkt sie mitfühlend. Sie spürt, er würde gern mehr erzählen, von sich, von den Erfahrungen, die er gemacht hat, aber die Zeit drängt, er muss wieder eine neue Bewerbung schreiben.

Der Projektor wird ausgeschaltet, die Unterhaltungen laufen wieder an. Wie vorher, aber dann doch ein wenig anders. Sie meint, die Augen der Teilnehmer sind leuchtender geworden. Für sie selbst war es ungeheuer interessant, ihr Leben als einen Fluss zu sehen, der mit unterschiedlichen Gegebenheiten zu kämpfen hatte, aber im Grunde den selben Gesetzmäßigkeiten unterliegt, wie bei jedem anderen Menschen auf dieser Welt auch. Sie hofft, den Teilnehmern Mut gemacht zu haben, ihr Leben zu leben.

„Hm“, sagt sie zu ihrem Dozenten, „von den anderen Dozenten hatte sich trotz Großankündigung keiner dazu herabgelassen, diese Präsentation zu sehen.“ Der nickt nur stumm und packt seine Sachen zusammen.

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Das ist natürlich ein blödes Gefühl, ein Gefühl, das sie bisher noch nicht kannte. Sie fühlt sich wie der Wassertropfen, der völlig unvermittelt den hohen Wasserfall hinunterstürzt. Es ist das Gefühl, völlig uninteressant und unwichtig zu sein, egal, was man tut oder wie man sich anstrengt. Sie ist jetzt einfach nur in einer Wiedereingliederungsmaßnahme des Arbeitsamtes, da kommen Leute hin, die irgendetwas falsch gemacht haben, da gibt es kein Lob, keine Bewunderung, keine Auszeichnung wie sonst in ihrem Leben.

„Willkommen im Niemandsland, Frau Niemand“, murmelt sie. Sie nimmt ihre Tasche und geht.

Plötzlich fällt ihr der Satz ein, den sie selbst vor wenigen Minuten noch zu den anderen gesagt hatte: Es gibt keine falsche Biografie. Sie muss lachen. Wer weiß, wozu diese Erfahrung gut war.

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Geschrieben von © Gesine Tettenborn

Die Kurzgeschichte „Spiegelbilder“ entstand im Rahmen der novum Verlag Initiative für die Förderung und Inspiration von Schriftstellern über den novum Corporate Blog und die Blogrubrik #Wortwechsel. Wir bedanken uns bei Gastautorin Gesine Tettenborn für ihren inspirierenden Beitrag.

Der nächste #Wortwechsel erscheint in Kürze (das Datum geben wir hier auf unserem Blog sowie auf unserer Facebook-Seite demnächst bekannt).

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